VKD: Strukturkonzentration ja, Strukturbereinigung nein

Ambulantisierung der Medizin ist ohne Krankenhäuser nicht möglich

Berlin/Iserlohn, d. 14. Juni 2018. Der Begriff „Ambulantisierung der Medizin“ habe eine ganz neue Bedeutung bekommen, war eine der Thesen von VKD-Präsident Dr. Josef Düllings zu Tendenzen der bundesweiten Krankenhauspolitik gestern auf der Frühjahrstagung der Landesgruppe NRW in Iserlohn. Studien und die tägliche Erfahrung in den Krankenhäusern zeigten, dass die ambulante Versorgung der Patienten durch Vertragsärzte immer weniger funktioniere. Dazu trage der fortschreitende Schwund an Haus- und Facharztsitzen bei.

Die Verfügbarkeit niedergelassener Ärzte sowohl in der ambulanten Notfallversorgung als auch in der ambulanten Regelversorgung sei vielfach nicht mehr gegeben. Zahlen für NRW zeigten, dass pro Jahr rund 400 Hausärzte in den Ruhestand gingen und nur für 200 von ihnen Nachfolger zu finden seien. So sei in vielen ländlichen Regionen Deutschlands schon heute eine adäquate medizinische Versorgung außerhalb des Krankenhauses sowohl zeitlich als auch medizinisch und personell nicht mehr gegeben.

Diese Situation führe zu einer erheblichen finanziellen Mehrbelastung der Krankenhäuser. Deckungslücken würden sich angesichts wegschmelzender ambulanter Versorgungsstrukturen – zumindest für Häuser in ländlichen Regionen – weiter vergrößern. Bei unveränderter Rechtslage sei damit zu rechnen, dass Leistungen auch weiterhin am Bedarf vorbei nicht oder nur gekürzt bezahlt würden. Daraus ergebe sich die absurde Situation, dass die Krankenhäuser zwar die Anker der Versorgung darstellten, die Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen aber vom Anstieg ambulanznaher Leistungen in den Kliniken profitierten. Das Geld bleibe in diesen Institutionen. Die Last trügen die Krankenhäuser.

„Unveränderte Rechtslage und veränderte Versorgungslage klaffen immer weiter auseinander“, so Dr. Düllings.

„Die Erlöskürzungen durch Kassenärztliche Vereinigungen und gesetzliche Krankenkassen haben 2017 einen neuen Höhepunkt erreicht“, stellte der VKD-Präsident fest. Er verwies auf die VKD-Umfrage vom Dezember 2017, wonach der Anteil der Allgemeinkrankenhäuser mit roten Zahlen wieder auf 46 Prozent angestiegen ist. Im Jahr zuvor lag er noch bei 23 Prozent. Das alles passiere bundesweit „unter dem politischen Radar“.

„Angesichts dieser Situation benötigen die Krankenhäuser keine Strukturbereinigung, wie die Krankenkassen sie immer wieder fordern, wie sie aktiv auch durch vielfältige Instrumente der Zahlungsverweigerung betrieben wird“, so Dr. Düllings. Diese laufe im Grunde auf eine Schließung von Krankenhäusern hinaus. Die Länder assistierten ihnen hier durch die seit Jahren viel zu niedrige Investitionsförderung. Sie hielten die Investitionsquote unter drei Prozent. Anfang der 1990er Jahre seien es noch neun Prozent gewesen. Wiederum vor allem in ländlichen Regionen komme es dadurch zu Strukturschwächen mit tendenziell gefährdeter Patientenversorgung. Ungeordnete Standortschließungen, Qualitätseinbußen, längere Wartezeiten und Fahrzeiten für die Patienten sind schon heute die Folge.

„Wir brauchen eine in der Fläche ausgewogene und moderierte Strukturkonzentration“, so das Fazit und die Forderung des VKD. Diese setze aber ein proaktives Handeln des Staates voraus und sei auch nicht zum Nulltarif zu haben. Der VKD habe dafür bereits vor zehn Jahren ein erstes Konzept zur komplementären Konzentration in NRW entwickelt und auf Bundesebene im Jahr 2013 einen Strukturentwicklungsfonds gefordert. Dieser Gedanke sei mit dem Krankenhausstrukturgesetz dann aufgenommen und von der neuen Regierungskoalition mit dem aufgestockten Strukturfonds weiterentwickelt worden.

Die Schritte zur Finanzierung von Strukturveränderungen sind aus Sicht des VKD ein zarter Anfang, der aber bei weitem nicht ausreiche, um die Folgen der demographischen Alterung abzufangen. Mit Blick auf die in die behandlungsintensiveren Altersjahrgänge kommenden Babyboomer könne das zu einer Überforderung des GKV-Systems führen. „Eine Aufstockung des Strukturfonds auf eine Milliarde Euro im Jahr für vier Jahre – das ist ein ‚dynamisches‘ Prozent des rund 100 Milliarden Euro Umsatzes der Krankenhäuser“, so der VKD-Präsident.

Zudem ist eine Strukturkonzentration ohne Berücksichtigung des ambulant-vertragsärztlichen Bereichs aus Sicht des Verbandes eine Politik mit dem Mut zur Lücke. Landeskrankenhausplanung müsse also auch die ambulante Versorgung berücksichtigen. Das wäre eine sinnhafte Neuausrichtung der Krankenhauspolitik.

Ein zwischen Bund und Ländern abgestimmtes „Zukunftskonzept Deutsches Krankenhaus“, wie der VKD es im vorigen Jahr bereits vorgeschlagen hat, wäre eine gute Basis, Krankenhauspolitik im Sinne einer hochwertigen Patientenversorgung überall im Land zukunftssicher zu gestalten. Die Mitglieder des VKD werden ihre Expertise dafür einbringen, kündigte Dr. Düllings an.