Die Welt der Zukunft Eröffnungsrede 18. Norddeutsche Gesundheitstage am 30. März 2017

Herzlich Willkommen im Namen der Landeskrankenhauskonferenz, im Namen meiner Kollegen Herrn Dr. Friedrich und Herrn de la Chaux, und auch im Namen des Vorstandes des VKD Nord zu den 18. Norddeutschen Gesundheitstagen auf internationalem Gewässer!

Sicher lässt sich unsere kleine Reise nicht mit dem Aufbruch Columbus in eine neue Welt vergleichen, aber wir hoffen, dass allein durch das hinter sich lassen des Festlandes auch das Wühlen im eigenen Vorgarten unserer Krankenhäuser mit neidischem Blick auf die protzige Zufahrt des Nachbarn an Bedeutung verliert und wir vielleicht sogar so etwas wie einen gemeinsamen Blick über den Tellerrand der Gesundheitsversorgung riskieren.

Denn, das was wir mehr als alles andere in unserer Branche brauchen, ist eine positive Zukunftsvision unseres Gesundheitswesens. Wer schafft es noch, das Wort Zukunft mit mehr als drei Sätzen zu beschreiben, ohne das Wort Digitalisierung in den Mund zu nehmen? Ich schaffe es wie Sie merken nicht in einem einzigen.

„Die Digitalisierung ist die tiefgreifendste Veränderung aller Lebensbereiche in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.“ Wer wüsste das nicht? Was wird sie mit unserem Zusammenleben machen? Mit unserer Gesellschaft? Und schlussendlich – was mit unserer Gesundheitsversorgung?

In den Tiefen des Netzes, in sogenannten Zukunftsinstituten, manchmal in den Internet-Start-ups, selten an Universitäten, entstehen Zukunftsbilder, genauer: Schnipsel von Zukunftsbildern. Ausschnitte, Aufrisse – keine Gemälde.

Sehr geehrter Herr Professor Rademacher, ich freue mich sehr, dass Sie uns mit Ihrem Vortrag vielleicht ein wenig diesen Horizont erweitern, um zumindest ein kleines Schnipsel in diesem Mosaik hinzuzugewinnen.

Scheitern oder Gelingen der Digitalisierung für die Gesundheitsbranche – das ist aus meiner Sicht keine technische, sondern in erster Linie eine politische Frage. Darum sitzen wir neben allen Netzwerken auch hier: Um eine Idee für gemeinsame Position über den alltäglichen Grabendkämpfen eines zunehmen konkurrierenden Wettbewerbes unserer Branche zu gewinnen. Die grenzenlosen Weiten der offenen See sollten uns inspirieren.

Denn: An keiner Stelle habe ich bislang ein positives Zukunftsszenario für die Digitalisierung des Gesundheitswesens gefunden. Gewiss, die Medizin gewinnt an Präzision. Ältere Menschen bekommen einen Roboter als Haushaltshilfe und Haustier in einem – aber all das ist doch keine gesellschaftliche Vision.

Und was ist, wenn wir dafür immer weniger Menschen brauchen, wie eine große Studie der Universität Oxford zur Zukunft der Arbeit nahelegt? Danach existieren etwa die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze in der westlichen Welt schon 2030 nicht mehr. Was ist, wenn irgendwann für vielleicht die Hälfte der Bevölkerung keine Arbeit mehr existiert – jedenfalls keine, für die jemand Lohn in Form von Geld zahlt?

Und wie kann man den Sozialstaat und letztlich auf die Finanzierung der Gesundheitsversorgung an die Arbeitsleistung der vielen binden, wenn die vielen irgendwann in der Minderheit sind? Anderseits bedroht uns aktuell der Fachkräftemangel im ärztlichen und pflegerischen Bereich. Wie passt das zusammen?

Lieber Herr Dr. Düllings, sehr geehrter Herr Professor Weiser, lieber Herr de la Chaux, ich erhoffe mir auch im Rahmen unserer Podiumsdiskussion eine positive Vision für die Arbeitsmarktbedingungen unserer Branche. Und liebe Frau Nolte, ganz besonders freut es mich, dass Sie in diesem Zusammenhang auch von Führungskräften ein „Heldentum“ erwarten, Technokraten und sogenannte Spezialisten haben wir nämlich schon genug und werden dieser großen Aufgabe nicht gerecht.

Woran liegen diese Starre und die Bewegungslosigkeit, in der wir uns in der Gesundheitsbranche befinden?

Eine verbreitet große Sorge im Rahmen der Digitalisierung ist die Einhaltung des Datenschutzes. Darüber nachzudenken ist sicher richtig.

Nach meiner Einschätzung ist es aber ebenso richtig, dass der Kampf um diese Reche nur noch zweitrangig zwischen Kostenträgern und Kassen ausgefochten wird.

Wenn Sie sich einmal die laufenden Ergebnisse der telematischen Vorzeigeprojekte unseres Landes in Form von Visiten, die ein Hausarzt für seine ländlichen „Bestandspatienten“ anbieten, vor Augen führen, so bleibt doch spätestens nach dem zweiten Glas Wein die dumpfe Überzeugung, dass wir in Zeiten von Facetime diesen Kampf längst verloren haben.

Vielleicht auch weil wir im Gesundheitssystem, die, die wir hier sitzen, also die Gestaltern die letzte Generation ist, die noch ohne Internet in der Muttermilch aufgewachsen ist. Weil uns nach wie vor die wirkliche Dimension dieser Transformation unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens fehlt und wir verzweifelt neuen Wein in alte Schläuche kippen. Somit bleibt auch beim Datenschutz irgendwie das Gefühl übrig, dass wir versuchen, ein System mit unseren alten Mitteln in den Griff zu bekommen, das an anderer Stelle längst entschieden wird.

Keine ökonomische Logik, auch nicht die Digitalisierung, produziert aus sich heraus eine soziale Gesundheitsversorgung. Sie fördert maximal Effizienzgewinn und Monopolisierung. Die Demokratisierung von Lebenschancen ist eine politische Aufgabe. Geschieht nichts, könnten und werden jene Szenarien Wirklichkeit werden, die nur noch Daten-Monopolisten zunächst die kleinen und dann die großen Klinikketten übernehmen.

Worum es jetzt vor allem geht, ist eine neue zu besetzende Machtfrage: Wie wollen wir die Gesundheitsversorgung von morgen? Wer setzt seine Zukunftsvorstellungen für die Gesundheitsversorgung durch? Hier befinden wir uns in einem Vakuum.

Und um dies zu beantworten, muss man überhaupt erst eine positive Zukunftsvorstellung haben. Wer die Politik der Bundesregierung betrachtet, fahndet bisher vergeblich nach guten Ideen. Auch die Kostenträger machen ihrem Namen alle Ehre und versuchen in erster Linie die Kosten zu dämpfen oder aufzuhalten. Letztlich ist auch das sicherlich mit guten Willen auf dem Weg gebrachte Qualitätsinstitut und der Gba letztlich zu Messinstrumenten der Kostensteuerung geworden und sind damit rückwärtsgewandt und eben nicht innovativ. Trotz einer im internationalen Vergleich beispiellos guten bis hervorragenden Gesundheitsversorgung in Deutschland fehlt uns jeder Optimismus.

Deshalb hilft nur, dass eine laute und lebhafte Debatte geführt wird: jetzt, hier und überall! Wenn wir es nämlich nicht machen, wird es niemand machen und nicht können. Noch geringer als das Vertrauen in die zukünftigen Märkte ist dasjenige in die Politik. Wo früher Visionäre die Rahmenbedingungen schufen, reparieren jetzt Detailarbeiter, was andere kaputt gemacht haben, kommentieren und twittern, was die Massenmedien bewegt – eine solche Politik formuliert nicht nur in den USA sondern auch bei uns keine Zukunftsbilder.

Also liebe Kollegen, vielleicht gelingt es uns ja, unseren Trägerkittel zumindest exterritorial auszuziehen und Ideen für positives Zukunftsszenario für unsere Branche zu entwickeln?

Und, wir Schleswig-Holsteiner haben es ja sogar schon geschafft, den ersten Kittel, den der Berufskleidung, abzustreifen und können uns gemeinsam mit Ärzten, Pflege und Management auf eine Idee verständigen. Es sollte also in Hinblick auf die vor uns liegende Aufgabe ein Leichtes sein, auch den Trägerkittel abzustreifen und aus unseren gemeinsamen Erfahrungen, unsere Expertise und unserem Ringen um eine bestmögliche Patientenversorgung eine Vision zu entwickeln. Sonst gibt es bald nicht mehr privat, kommunal oder freigemeinnützig, sondern Google, Apple oder Facebook als größte Anbieter von Gesundheitseinrichtungen.

Wir sind bundesweit hierfür eindeutig in der Pole-Position. Nicht nur auf dem Weg nach Oslo, sondern auch in der Gestaltung unserer Gesundheitsversorgung von Morgen.

In diesem Sinne – Leinen Los und volle Kraft voraus!

30.03.2017

Kerstin Ganskopf
Vorsitzende des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands e.V. Landesgruppe Nord