Angstdiskussionen um Krankenhaus-MVZ beenden

VKD-Pressemeldung vom 4. Februar 2011

Berlin 4.2.2011. Ein künftiges Versorgungsgesetz muss die Rolle der Krankenhäuser bei der Sicherung der medizinischen Versorgung in unterversorgten Gebieten sehr viel stärker berücksichtigen, als das bisher offenbar vorgesehen ist. Das fordert der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD).

"Es ist richtig, die Bedingungen und Anreize für Ärzte sowie die Medizinerausbildung zu verbessern. Die Situation wird sich aber nicht wesentlich verändern, wenn Krankenhäuser lediglich als Lückenbüßer gesehen werden. Sie müssen, im Gegenteil, die wesentliche Rolle übernehmen - und tun das ja auch in bestimmten Regionen bereits", erklärt VKD-Präsident Heinz Kölking angesichts der jetzt beginnenden Debatten. Kontraproduktiv sei  in diesem Zusammenhang die von der Regierungskoalition und Ärzteorganisationen geführte Diskussion um die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) durch Krankenhäuser.

Gründung und Betrieb von MVZ sind gesetzlich seit 2004 möglich. Große Teile der Fachwelt fragten sich, welche Probleme seitdem aufgetaucht sind, die ein korrigierendes Eingreifen des Gesetzgebers erforderten, so der VKD-Chef, der auch Geschäftsführer Finanzen des Diakoniekrankenhauses Rotenburg/Wümme ist. Bis Oktober vorigen Jahres habe die Bundesregierung selbst keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden. Das zeigte jedenfalls ihre Antwort auf eine kleine Anfrage der SPD im Bundestag:
• Begründete Zweifel an der  Arbeitsweise und den Behandlungsergebnissen von in MVZ angestellten Ärzten gegenüber freiberuflichen gab es nicht.
• Die Qualität der Versorgung in  MVZ, die mehrheitlich von Ärzten betrieben wird, war nicht besser als in von Krankenhäusern betriebenen.
• Die Therapiefreiheit wurde hier ebenfalls nicht eingeschränkt.
• Hinweise auf eine Einflussnahme von Kapitalgebern auf Geschäftsführung und Patientenversorgung im MVZ fanden sich offensichtlich auch nicht.

"Allein die Tatsache, dass irgendjemandem die Richtung nicht passt, kann nicht Grundlage einer verantwortungsvollen Politik sein", so Dr. Rudolf Hartwig, der sich als Vorsitzender des VKD-Fachausschusses Betriebswirtschaft intensiv mit dem Thema MVZ beschäftigt hat. "Es ist offensichtlich, dass Krankenhaus-MVZ von Teilen der niedergelassenen Ärzteschaft, vor allem aber von Funktionären einschlägiger Interessenverbände, als Bedrohung der Freiberuflichkeit von Ärzten wahrgenommen werden. Objektiv betrachtet existiert diese Bedrohung aber nicht", so Hartwig. "MVZ leisten unabhängig von der Trägerschaft einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der ambulanten Versorgung insbesondere in der Fläche. Beispiele dafür, dass irgendwo durch ein MVZ die niedergelassene Facharztstruktur gefährdet ist, oder dass es Verwerfungen zwischen den Bundesländern gibt, kenne ich jedenfalls nicht. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass es keinen Sinn macht, die Gesellschafter-Struktur vorschreiben zu wollen." Auch die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) selbst regelmäßig detailliert veröffentlichte Statistik zur zahlenmäßigen Entwicklung der MVZ belege eine Gefahr für niedergelassene Ärzte nicht.

Die Position des VKD:
• Krankenhäuser als MVZ-Träger ermöglichen in besonderem Maße die medizinisch sinnvolle Verzahnung ambulanter und stationärer Leistungen.

• Wenn es darum geht, moderne Versorgungskonzepte im Bereich der Schnittstelle ambulant/stationär zu organisieren, dann sind sie die Lösungsanbieter der Wahl, weil sie über entsprechende Kompetenzen und Ressourcen verfügen.

• Je nach örtlicher bzw. regionaler Situation können sie entweder selbst als Träger von MVZ  auftreten bzw.  mit anderen MVZ und Vertragsärzten kooperieren. Solche Kooperationen könnten noch effektiver werden, wenn größere MVZ  im Bedarfsfall auch einzelne Arztsitze wieder herauslösen und an niederlassungswillige Ärzte abgeben dürften. Hier müsste der Gesetzgeber eine Regelungslücke schließen.

• Krankenhäuser übernehmen maßgeblich die Aus- und Weiterbildung von Ärzten, sichern so den ärztlichen Nachwuchs und damit die ärztliche Versorgung nicht nur im ländlichen Raum, sondern auch in Ballungsgebieten.

• Selbstverständlich liegt die medizinisch-fachliche Leitung eines MVZ bei Ärzten. Das hat aber nichts mit dem Gesellschaftsrecht zu tun und wird im Übrigen in den Krankenhäusern seit jeher so praktiziert.

• Soweit die jeweiligen Versorgungskonzepte es erfordern, müssen die Gründung und der Betrieb von MVZ möglich sein, ohne dass die Krankenhäuser in die Rolle des Lückenbüßers gedrängt werden.

• Jeder Arzt soll selbst entscheiden dürfen, ob er freiberuflich oder als Angestellter, ob er in Vollzeit oder Teilzeit tätig ist. Nur so wird ein größerer Teil der auf Kosten der Steuerzahler ausgebildeten Ärzte auch längerfristig in der Patientenversorgung tätig sein können und wollen.

• Schon heute unterliegen Gründung und Betrieb von MVZ umfassenden sozialgesetzlichen Anforderungen und Kontrollmechanismen. Auch die von Krankenhäusern betriebenen MVZ beachten die Richtlinien für die vertragsärztliche Versorgung, unterliegen den gleichen Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Vergütungsregelungen. Zusätzliche Reglementierungen sind nicht erforderlich, ja geradezu schädlich.


Hintergrund
Die zahlenmäßige Entwicklung der MVZ wird von der KBV regelmäßig detailliert publiziert. Danach gibt es (gerundet, Stand Mitte 2010) 1.500 MVZ´s mit 7.500 Ärzten; davon sind 6.200 angestellt.
Von der Gesamtheit der MVZ werden 48,7 % von Vertragsärzten betrieben; 38,5 % sind in der Trägerschaft von Krankenhäusern. Der Anteil „Krankenhaus-MVZ“ ist seit 2008 in etwa stabil. Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern, z.B.:
- Bayern insgesamt 295 MVZ´s, davon 70 in Krankenhausträgerschaft (23,7 %)
- Berlin insgesamt 144 MVZ´s, davon 37 in Krankenhausträgerschaft (25,7 %)
- Baden Württemberg insgesamt 96 MVZ´s, davon 58 in Krankenhausträgerschaft (60,4 %)