Gesundheit - der nächste knappe Produktionsfaktor

Bericht von der 18. VKD/VDGH- Führungskräfteseminar am 24. und 25. Februar in Berlin

Das VKD/VDGH-Führungskräfteseminar ging am 24. und 25. Februar in Berlin in seine 18. Runde.
Thema war die immer wieder spannende Frage, wie das Krankenhaus von morgen aussehen, wie es arbeiten wird. Vor allem  ging es neben gesundheitspolitischen Bewertungen um die wichtigste "Ressource", die Mitarbeiter.  Darum drehte sich ein Großteil der Vorträge und Diskussionen. Unabhängig davon, aus welcher Warte die Referenten das Thema behandelten, herrschte doch Einigkeit darin, dass hier trotz der Veränderungen, die in vielen Krankenhäusern bereits stattfinden, noch sehr viel zu tun ist. Ein Unternehmen, das kontinuierlich an seiner Attraktivität als Arbeitgeber arbeitet, sichert auch damit seine Zukunftsfähigkeit.
Es ging um "Gesundheit - Wirtschaft - Zukunft".  Ein Dreiklang, der es in sich hat. Wer kann heute wissen, wie die Zukunft aussieht?
An dieser Frage haben sich schon viele vorhergehende Tagungen ab gearbeitet. Kann man die Zukunft vielleicht aus der Vergangenheit ableiten? Von den Kondratieff-Zyklen hatten viele Teilnehmer des 18. VKD/VDGH-Führungskräfteseminars natürlich schon gehört oder darüber gelesen. Erik Händeler, Buchautor und Zukunftsforscher,  machte ihnen nach der Begrüßung durch VKD-Vizepräsident Peter Löbus klar, dass es  bei den wichtigen Innovationen, die eine neue Zeit einleiten, nicht um Verkauf oder Einsparungen geht, sondern um die Lösung wesentlicher gesellschaftlicher Fragen. "Der nächste knappe Produktionsfaktor ist Gesundheit", ist er überzeugt.  Der volkswirtschaftliche Wachstumseffekt daraus sei zum Beispiel die längere produktive Lebenszeit in einer alternden Gesellschaft. "Wir gehen gleichzeitig in eine Wissensgesellschaft", erklärte er. Wertschöpfung im gedachten Raum sei das Wirtschaftsfeld der Zukunft. Auch im Krankenhaus werde künftig auf andere Weise gearbeitet und zusammengearbeitet werden als bisher: Andere Arbeitszeiten, weniger statusorientiertes Arbeiten, das Sozialverhalten werde wichtiger. Es entstünden aber auch neue Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesunderhaltung.

Zukunftsmodell Gesundheitswirtschaft
Die so genannten weichen Faktoren erhalten einen viel größeren Stellenwert.  Passte dazu das Thema der Podiumsdiskussion "Die Gesundheitswirtschaft: Nachhaltiges Zukunftsmodell oder nur ein Modebegriff?". Es diskutierten darüber Dr. Martin Schölkopf vom Bundesministerium für Gesundheit, Harald Kuhne, Bundeswirtschaftsministerium, Sofie Geisel, Netzwerkbüro Erfolgsfaktor Familie der DIHK Service GmbH,  Dr. Josef Düllings,  Hauptgeschäftsführer der St. Vincenz-Krankenhaus GmbH und Mitglied des VKD-Präsidiums, sowie Matthias Borst Vorstandsvorsitzender des VDGH und Geschäftsführer der Becton Dickinson GmbH.
Die Gesundheitswirtschaft ist nicht nur ein Zukunftsmodell, sie  ist bereits heute aus vielfältigen Gründen eine bedeutende Wirtschaftsbranche. Sie beschäftigt 4,7 Millionen Menschen, von denen allein in den vergangenen zehn Jahren 600.000 hinzugekommen sind. Zur Branche gehören 230.000 Betriebe. Ein funktionierendes Gesundheitswesen stellt aber auch eine gute Gesundheit der Erwerbstätigen sicher.  Daher, so bekräftigte Dr. Schölkopf, sehe sich das Gesundheitsministerium durchaus nicht als Verhinderer von Wachstum und Beschäftigung. Ganz im Gegenteil.
Die gesamte Gesundheitsbranche habe sehr gute Zukunftschancen. Der Bedarf für ihre Leistungen werde steigen und der medizinisch-technische Fortschritt für weitere Nachfrage sorgen.
Ministeriumskollege Kuhne ergänzte, dass Entwicklungschancen auch außerhalb der Regelversorgung eröffnet werden müssten, u.a. durch stärkere private Finanzierung - das befördere Innovationen, aber auch durch Herausnahme bestimmter Leistungen aus dem Leistungskatalog, er denke zum Beispiel an die Rehabilitation (was vermutlich von vielen Fachleuten sehr stark in Frage gestellt würde). Zur Unterstützung innovativer Prozesse und zur Nutzung der Exportpotenziale  starte gerade die "Exportinitiative Gesundheitswirtschaft".

Es geht nicht um "Gutmenschentum"
Die zentrale Aufgabe für das Krankenhaus der Zukunft sah Sofie Geisel  in der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das sei keine Frage von "Gutmenschentum", sondern sichere die Arbeitsfähigkeit der Häuser. Rund 80 Prozent der Krankenhausmitarbeiter seien Frauen, 70 Prozent der Medizinstudenten ebenfalls. Ein Betriebskindergarten löse nicht alle Probleme, sei aber eine wesentliche Voraussetzung. Dabei gehe es hier nicht nur um Frauensachen. Für Männer spiele das heute eine ebenso große Rolle. Ständig flexible Arbeitszeitmodelle seien notwendig, die Wünsche und Bedarfe der Mitarbeiter dürften nicht länger irrelevant sein.

"Flaschenhals" Komfortversorgung
Dr. Josef Düllings ging von der regionalen Bedeutung der Krankenhäuser als wichtige Wirtschaftsfaktoren. Die Landespolitik täte gut daran, wenn sie mehr in die  Krankenhäuser investierte, meinte er. So sorgten einer Studie zufolge allein die 29 Krankenhäuser in Südwestfalen für 60 Prozent der Umsätze in der Region. Ein "Flaschenhals" sei allerdings die politisch gewollte Voll-, ja Komfortversorgung gesetzlich Versicherter, verwies er auf den Vorstoß des CDU-Politikers Jens Spahn, der bekanntlich Zweibettzimmer für alle gesetzlich Versicherten in den Krankenhäusern forderte.

Innovationen stoßen an eine Mauer
Matthias Borst erklärte, das deutsche Gesundheitssystem sei sehr effektiv, weil sehr viel in Innovationen investiert würde. Diese hohe Innovationskraft stoße dann aber an eine "Riesenmauer" bei der Aufnahme in die Erstattung der Krankenkassen. Zum Teil warte ein Unternehmen jahrelang auf eine Entscheidung. Beim so wichtigen Thema Prävention sei zu kritisieren, dass zwar der kurative Teil finanziert werde, nicht aber der präventive. Dabei seien Innovation und Prävention doch die Felder der Zukunft.

Der Markt ist leergefegt
Ärztemangel ist bereits heute ein riesiges Problem für viele Krankenhäuser - auch wenn die reinen Zahlen diesen Mangel erst einmal nicht zu belegen scheinen. Dr. Karl Blum vom Deutschen Krankenhausinstitut DKI wies mit aktuellen Studienergebnissen nach, dass beides - Ärztemangel und steigende Ärztezahlen - kein Widerspruch sind. Zwar habe die Zahl der Krankenhausärzte von 2000 bis 2008 um 27.700 auf 139.300 zugenommen. Gleichzeitig sei aber auch die Zahl der in Teilzeit arbeitenden Mediziner um  12.200 Ärzte angestiegen. Hinzu kämen bei den rein statistischen Effekten die Abschaffung des Arztes im Praktikum und das Arbeitszeitgesetz.
Drei von vier Krankenhäusern haben Probleme, ärztliche Stellen zu besetzen. Im Durchschnitt sind 3,6 Stellen nicht besetzt. Dabei haben kleinere Häuser sogar weniger Probleme als z.B. solche über 600 Betten.

Als Ursachen nannte Blum den Abbau der Studienkapazitäten sowie hohe "Schwundquoten" (zwischen 20 und 40 Prozent aller Erstsemester steigen aus dem Studium aus). Durch das Arbeitszeitgesetz sei der Markt für ärztliches Personal leergefegt worden. Es gebe die Abwanderung ins Ausland, den Ausstieg von Ärzten aus der kurativen Medizin (rund 30.000 Ärzte arbeiten nicht in der Patientenversorgung, sondern beim u.a. MDK und in Pharmafirmen). Ein zunehmend wichtiger Faktor ist die Feminisierung der Medizin. Mit dem Frauenanteil steigen auch die Teilzeitquoten und die Relevanz der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Längere Elternzeiten bedingten auch Auszeiten.
Die Prognose bis 2019 zeige, dass es einen bedeutenden Mehrbedarf an Ärzten insgesamt (stationär/ambulant/sonstige) geben wird. Den Ersatzbedarf wegen des Ausscheidens aus Altersgründen bezifferte Blum auf 110.00 Ärzte. Einen Mehrbedarf durch weiter steigende Teilzeitarbeit und einen höheren Arztbedarf je Patient durch die demographische Entwicklung  gebe es in einer Größenordnung von 31.000 Ärzten.
Krankenhäuser mit standardisierten Weiterbildungsplänen, Tutoren- und Mentorensystemen hätten seltener Schwierigkeiten, Ärzte zu finden. Wesentliche Faktoren für Ärzte seien die Organisation und Qualität der Weiterbildung. Viele Häuser nutzen aber nicht einmal die Standardinstrumente des Personalmanagements.
Wichtig sei den Ärzten auch eine mitarbeiterorientierte Arbeitsorganisation, Entlastungsmaßnahmen z.B. durch Delegation von administrativen Aufgaben, die Einstellung oder Qualifizierung neuer Berufsgruppen. Das Geld sei wichtig, stehe aber nicht an erster Stelle. Es kämen eine ganze Reihe finanzieller Anreize zum Einsatz, sie würden aber meist erst genutzt, wenn die Not schon besonders groß sei. Sein Fazit: "Personalentwicklung im ärztlichen Dienst ist eine sehr große Baustelle." (Die Studie unter www.dkgev.de)

Die Unternehmenskultur entscheidet
"Die Unternehmenskultur wird der entscheidende Wettbewerbsfaktor der Zukunft sein", war sich Michael Born von der Medizinischen Hochschule Hannover sicher. Das Kultur- und Wertesystem der Gesellschaft ändere sich radikal. "Wir müssen daher  die alten Strukturen und Prozesse ändern. Sonst bekommen wir eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht hin", sagte er. Aber: was kostet das? Können wir das leisten?  Der Return on Investment müsse ebenfalls gezeigt werden. Unternehmen mit Familienbewusstsein hätten ein um 38 Prozent besseres Image als andere. Dadurch erhielten sie u.a. mehr Bewerbungen und hätten eine höhere Rückkehrerquote.

Was macht einen guten Arbeitsplatz aus? Dafür gibt es drei wesentliche Kriterien:
- das Management - man vertraut denen, für die man arbeitet,
- die eigene Tätigkeit - man ist stolz auf das, was man tut,
- die Arbeit im Team - man hat Freude an der Zusammenarbeit.
Auch Born sieht nicht das Geld an erster Stelle. "Nicht mal an zweiter oder dritter."
Um das derzeit viel diskutierte Thema personalisierte Medizin ging es in zwei Vorträgen - Prof. Ivar Roots, Universitätsklinikum  Charité, Berlin, und Prof. Matthias Nauck, Universitätsklinikum Greifswald, die sich u.a. auch mit den damit verbundenen ethischen Fragen beschäftigten.

Den Teilnehmern stehen die Vorträge über gesonderten Link-Zugang zur Verfügung.