"Wir haben den Eindruck, dass die Brandherde zunehmen"

VKD-Präsident Dr. Josef Düllings in den Biersdorfer Krankenhaus Gesprächen

Berlin, d. 17. September 2017. „Wenn die Rechtslage nicht mehr zur Versorgungswirklichkeit passt, muss sie geändert werden“. Dass sie vielfach nicht mehr passt, belegte VKD-Präsident Dr. Josef Düllings am vergangenen Freitag vor Führungskräften aus den Krankenhäusern im Rahmen der diesjährigen Biersdorfer Krankenhaus Management Gespräche an markanten Beispielen aus der Praxis in den Krankenhäusern.

Eine schwere Schieflage zwischen Recht und Patientenversorgung sehe der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) u.a. bei der ambulanten Notfallversorgung, so Düllings. Das bisherige System, das auf Kosten der Krankenhäuser und auf dem Rücken der dort tätigen Ärzte und Pflegenden unter großen Anstrengungen aufrecht erhalten werde, müsse in der kommenden Legislaturperiode als eines der ersten auf den Prüfstand. Ein Weiter so mit neuen und wenig hilfreichen Modellversuchen wie bisher darf es nicht geben. Hier forderte Düllings u.a., den Sicherstellungsauftrag von den Kassenärztlichen Vereinigungen auf die Krankenhäuser zu übertragen, einschließlich der notwendigen Finanzierung. Mehr Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der vorstationären Behandlung seien ebenfalls vor allem im Sinne der Patienten notwendig.

Die Ökonomie habe den Menschen zu dienen, erneuerte der VKD-Präsident eine Forderung seines Verbandes auch angesichts der Tatsache, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen zunehmend Versorgungsnotwendigkeiten nicht anerkenne und die Art und Länge von medizinisch gebotenen Behandlungen in Frage stelle. Hier werde ganz klar vom ökonomischen Ende her gedacht. Der im Sinne der Krankenkassen prüfende Medizinische Dienst müsse abgeschafft werden. Der VKD fordere eine unabhängige Prüfinstanz.

Nach wie vor ungelöst sei das Problem der Investitionsfinanzierung. Der Bund zeige bei diesem Thema regelmäßig auf die Länder. Deren Pflicht sei es zwar, die notwendigen Mittel bereitzustellen, faktisch seien sie aber seit Jahren dazu kaum bereit und nur unzureichend in der Lage. „Wenn eine so wichtige Finanzierungssäule schon so lange nicht mehr trägt, hat das systemkritische Konsequenzen. Wir stellen in unseren VKD-Umfragen wiederholt fest, dass nur etwa zehn Prozent der Krankenhäuser in der Lage sind, eine Umsatzrentabilität von über vier Prozent zu erzielen. Diese wäre aber nötig, um unter den derzeitigen Bedingungen den Bestand des Krankenhauses zu erhalten. Das bedeutet umgekehrt, dass 90 Prozent der Krankenhäuser bestandsgefährdet sind. Wir alle tun, was wir können, haben aber den Eindruck, dass die Brandherde zunehmen“, so Düllings.

Das System der Investitionsfinanzierung müsse ebenfalls auf den Prüfstand. Das Investitionsniveau müsse deutlich angehoben werden. Die Forderung nach Schließung von Krankenhäusern, ein seit langem abgenutztes Argument von Krankenkassen, Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsinstituten, sei noch kein Plan für die Zukunft. Nötig sei ein moderierter Strukturwandel durch erheblichen Ressourceneinsatz, auch zur Strukturkonzentration, jedoch unter Beachtung regionaler Versorgungsnotwendigkeiten. „Wir fordern zudem eine Investitionsoffensive des Bundes zur Schaffung einer digitalen Infrastruktur im Klinikbereich. Andere Länder, wie etwa die USA, haben erkannt, dass dies, als öffentliche Aufgabe wahrgenommen, zu einem Quantensprung in der Patientenversorgung führt“, so Düllings.

Angesichts der zunehmenden Brandherde in den Kliniken, wozu neben den vorgenannten Defiziten auch der eklatante Personalmangel sowie Fehlsteuerungen des DRG-Systems zählten, sei eine „fortgesetzte Reform der Nachkommastellen nicht zielführend.“ Düllings forderte ein „Zukunftskonzept Deutsches Krankenhaus“, das von Bund und Ländern getragen wird und endlich mit der Lösung dieser Grundsatzprobleme beginnt.

An die Mitglieder appellierte der VKD-Präsident, die Zeit direkt nach der Bundestagswahl zu nutzen und auf die Abgeordneten in der Region zuzugehen, um sie über die Fragen und Herausforderungen der Krankenhäuser zu informieren. Dazu sei das VKD-Thesenpapier vom Dezember 2016 ein guter Leitfaden, der um örtliche Besonderheiten ergänzt werden könne. Vor Ort hätten die Krankenhäuser in der Bevölkerung ein hohes Ansehen, so dass jeder Abgeordnete, der eine Region in Berlin vertrete, sicher auch für die Krankenhäuser ein offenes Ohr habe. „Ich bin überzeugt, dass unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort in den Krankenhausgeschäftsführungen diese zwei Monate bis zum absehbaren Koalitionsvertrag nutzen werden, um auf die Belange der Patientenversorgung in den Kliniken hinzuweisen und für notwendige Verbesserungen zu werben. Ich wünsche allen dazu viel Erfolg“, so der VKD-Präsident.

Hintergrund

Die Biersdorfer Krankenhaus Management Gespräche verstehen sich als ein Gesprächskreis von Kollegen für Kollegen. Diskutiert werden hier praktische Krankenhausprobleme, aber auch deren Transformation in die Verbände und in die Politik hinein. In diesem Jahr fanden sie vom 13. bis 15. September statt. Die Grundphilosophie: Für die Basis von der Basis.