Krisenmanagement von Bund und Ländern greift

Infolge der getroffenen Maßnahmen werden die meisten Krankenhäuser mit der Versorgung von Covid19-Patienten derzeit nicht überfordert. Das Krisenmanagement wird allerdings getrübt in der operativen Umsetzung. Auch nach einer differenzierten Analyse und Bewertung der Lage kann man in den Krankenhäusern derzeit nicht sagen, wie die finanzielle Belastung 2020 aussieht.

Erste Zwischenbilanz zeigt jedoch weiteren Handlungsbedarf

Berlin, den 14. April 2020. Aus Sicht des VKD zeigt das Krisenmanagement von Bund und Ländern die erhoffte Wirkung. Infolge der getroffenen Maßnahmen werden die meisten Krankenhäuser mit der Versorgung von Covid19-Patienten derzeit nicht überfordert. Allerdings gibt es Hotspots, an denen die Lage angespannt und das medizinische Personal vor Ort extrem gefordert ist. „Insofern können wir keine Entwarnung geben. Wir bestärken Bund und Länder darin, den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen. Denn die nach wie vor bestehenden Risikofaktoren für Patienten, Krankenhäuser und Gesellschaft sind das Kontaktverhalten, das Fehlen eines Impfstoffs und einer Therapie sowie die fehlende Immunisierung der Bevölkerung. Im Übrigen dürfen wir nicht die Patienten vergessen, die aktuell auf ihre ebenso notwendige Behandlung warten müssen“, so VKD-Präsident Dr. Josef Düllings.

Das Krisenmanagement wird allerdings getrübt in der operativen Umsetzung. Auch nach einer differenzierten Analyse und Bewertung der Lage kann man in den Krankenhäusern derzeit nicht sagen, wie die finanzielle Belastung 2020 aussieht. Der Schutzschirm ist, wie vieles, was aus der Gesetzgebungsmaschinerie kommt, mit Komplexität überladen, kleinteilig bürokratisch und multifaktoriell ausgestaltet.

„Eine Betriebsführung auf dieser Grundlage ist für das Krankenhausmanagement ein Vabanquespiel. Natürlich ist dies auch der völlig neuen Lage durch die Corona-Pandemie geschuldet. Um die Handlungsfähigkeit der stationären Versorgung zu gewährleisten und keine unkalkulierbaren Ausfälle zu riskieren, sollten die derzeitigen Finanzierungssysteme für Krankenhäuser, Rehakliniken und Pflegeeinrichtungen für 2020 ausgesetzt werden. Sicher eine radikale Forderung. Aber was wir jetzt erleben ist ein Durcheinander. Der Lage angemessen wäre eine Selbstkostenfinanzierung. In diesem Jahr geht es nicht um Gewinne oder Verluste. Ebenso wenig geht es um eine weitere Ökonomisierung. Es geht schlicht um Daseinsvorsorge des Staates für seine Bürger. Krankenhäuser, Rehakliniken und Pflegeeinrichtungen leisten als Anker der Gesundheitsversorgung gerade jetzt einen unverzichtbaren Beitrag, der schlicht den Aufwand der Gesellschaft erfordert. Mit den derzeitigen Finanzierungssystemen sind diese Herausforderungen nicht darstellbar – zumal bis weit in 2021 noch kein Ende in Sicht ist. Um am Ende der Krise nicht einen Scherbenhaufen in der Gesundheitsversorgung vorzufinden, regen wir an, diesen Vorschlag frühzeitig zu diskutieren.“

Es wird auch eine Zeit nach Corona geben. Die Rolle der Krankenhäuser, Rehakliniken und Pflegeeinrichtungen muss für die Gesellschaft neu bewertet werden. Ein schmerzhafter Reflex der alten Finanzierungsideologie ist die verunglückte Regelung zur Finanzierung zusätzlicher Beatmungsgeräte mit 50.000 Euro. Bekannt war, dass die Selbstkosten eines Beatmungsgerätes bei etwa 85.000 Euro liegen. Für die Umrüstung einer Normalstation zu einer Intensivstation – von der Politik wurde ja eine Verdoppelung der Intensivkapazitäten gefordert – müssen etwa 130.000 Euro pro Platz angesetzt werden. Damit werden den Krankenhäusern, die in dieser Form aufrüsten, nur 38 Prozent der tatsächlichen Kosten finanziert.

„Es geht hier nicht primär um die Höhe des Betrages“, so Dr. Düllings, „sondern um den Reflex einer verfehlten Überökonomisierung in einem gesellschaftlich jetzt besonders kritischen Bereich. Eine Selbstkostenfinanzierung hätte niemanden reich oder arm gemacht. Die volle Kostenübernahme wäre ein richtiges Signal gewesen. Sie ist jetzt eine verpasste Chance, die es aber zu reflektieren gilt.“

Teil der selbstkritischen Reflektion muss auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Helferinnen und Helfer in den Krankenhäusern, Rehakliniken und Pflegeeinrichtungen sein. „Diese Menschen haben ihren Beruf gewählt, weil sie helfen wollen, weil sie Leben retten wollen, weil sie ihre Tätigkeit als Berufung verstehen. Bislang lief ihre Tätigkeit unter dem Radar. Der Applaus von den Balkonen ist schön und gut. Die Gesundheitsberufe haben jetzt eine Erwartung an die Gesellschaft. Die Verhältnisse sind neu zu bewerten und neu zu ordnen, insbesondere auch für die Pflege, gerade in einer alternden Gesellschaft mit hohen ethischen Ansprüchen. Ob und wie diese Neubewertung ankommt, wird sich zeigen. In jedem Fall hängt unser künftiger Wohlstand davon ab“, so der VKD-Präsident.

Schließlich sei noch ein Wort verloren über die Gutachter der letzten Jahre, die sich mit einer Halbierung der Zahl der Krankenhäuser in Deutschland eine höhere Effizienz und bessere Qualität der Patientenversorgung vorstellen konnten. Die Leopoldina machte sogar den Vorreiter und ließ 2016 in einem Thesenpapier verlauten, Deutschland bräuchte nur etwa 330 Großkrankenhäuser. Wäre die Politik diesen Empfehlungen gefolgt, stünden wir heute vor einem unlösbaren Problem.

Die Realität hat die Thesen der Gutachter falsifiziert. Die Krankenhäuser sind heute Deutschlands Lebensversicherung, auch in ihrer Zahl und Bettendichte. Gerade im internationalen Vergleich nehmen wir von vielen Seiten Erleichterung wahr. Diese Situation haben wir aber nicht Gutachtern zu verdanken, sondern den Praktikern, wie Ärzten, Pflegenden, Krankenhausdirektoren, die sich gegen vermeintlich gut gerechnete Ansinnen vom grünen Tisch bislang erfolgreich gewehrt haben. „Es wird eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben. Es ist auch eine Pandemie der Angst. Wenn wir eine sichere Gesellschaft haben wollen, hat die Gesundheitsbranche eine Systemrelevanz mindestens auf Augenhöhe mit Banken und Automobilindustrie. Das lässt sich jetzt nicht mehr wegdiskutieren“, so Dr. Düllings.